„Das muss der Ausgangspunkt für eine Aktion sein“

Kulturanthropologin Prof. Aleida Assmann referierte über nachhaltige Erinnerungskultur, „Menschenpflichten“ und vier Formen des Respekts – Wie umgehen mit rechten Lügen?

Aleida Assmann auf dem Mosbacher Marktplatz im Gespräch mit Schüler*innen

Die Wissenschaftlerin und Autorin Prof. Aleida Assmann sprach nicht nur bei der Verabschiedung von Dorothee Roos als jahrzehntelange Vorsitzende des Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz, sondern traf sich auch mit Schülerinnen und Schülern, die zum Anne-Frank-Tag eine Ausstellung in der Mosbacher Innenstadt aufgebaut hatten. Foto: Peter Lahr

Ihr Vortrag im Ökumenischen Zentrum bildete am Donnerstagabend das „Überraschungsgeschenk“ bei der Verabschiedung von Dorothee Roos im Ökumenischen Zentrum. Roos hatte über 30 Jahre ehrenamtlich im Vorstand der KZ Gedenkstätte Neckarelz gewirkt und sich dabei immer wieder von den Schriften Aleida Assmanns inspirieren lassen, wie sie nun berichtete. Doch die Heidelberger Kulturanthropologin, deren Profil das Studium der Anglistik, Ägyptologie und Literaturwissenschaft beinhaltet, nahm sich deutlich mehr Zeit. Bereits am Nachmittag lernte sie die KZ-Gedenkstätte kennen und zeigte sich ebenso beeindruckt von der Schüler-Ausstellung über Vinzenz Rose. Am Freitag besichtigte Assmann zusammen mit zahlreichen Schülerinnen und Schülern die Innenstadt-Ausstellung „Vergessene Geschichte(n)“ und tauschte sich im Bürgersaal des Rathauses mit ihnen aus.

„Die Legitimität und gesellschaftliche Relevanz der Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit beweist sich nicht in feierlichen Akten, sondern muss sich in jeder Führung, in jedem pädagogischen Projekt behaupten“, gab Bernhard Edin, neuer Vorsitzender des Gedenkstätten-Vereins, schon mal die passende Steilvorlage für die prominente Rednerin, die sogar auf ein Honorar verzichtet hatte. Denn tatsächlich setzt sich Assmann durchaus kritisch mit dem mitunter als „Gedächtnistheater“ empfundenen offiziellen Erinnern auseinander.

„Ich fürchte, ich werde ein bisschen von Ihren Erwartungen abweichen“, erklärte Aleida Assmann zu Beginn ihrer mit Spannung erwarteten Ausführungen. „Die Lektüre über das Schülerprojekt um Vinzenz Rose zeigt, ich muss Ihnen nichts über Erinnerungskultur erzählen, hier gibt es eine starke Allianz zwischen der Gedenkstätte, den Schulen und der Stadt.“ Der „beeindruckende Rückhalt“ sei das Resultat von sechs klug miteinander kombinierten Faktoren: Ein konkretes Datum wie beim Anne-Frank-Tag wurde gewählt, zudem eine Gruppe, ein Verbund aus mehreren Schulen gebildet. „Da Geschichte unsichtbar und in die Vergangenheit entrückt ist, muss man sie hör- und sichtbar machen, wie hier geschehen.“ Weil konkrete Orte hervorgehoben wurden, könne man anschaulich die Botschaft transportieren: „Die große Geschichte hat sich auch hier im kleinen Mosbach ereignet. Außerdem haben Sie eine Verbindung zwischen den Opfern und den Tätern hergestellt.“ Assmanns Resümee: „Nur wer die Geschichte kennt, kann den rechten Lügen etwas entgegensetzen.“

Das eigentliche Thema, der Erhalt der Demokratie, rückte mit der (erneuerten) Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte 1948 sowie Stephan Hessels Aufruf an die Jugend „Empört Euch“ in den Fokus der Rednerin. Laut ihrer Überzeugung gehörten zu einer funktionierenden Demokratie der Rechtsstaat, die Verfassung und der gelebte Gemeinsinn. Dem Schlüsselbegriff der Menschenrechte stellte Assmann die „Menschenpflichten“ an die Seite. Denn bereits die altorientalischen Kulturen, die alten Ägypter und die Bibel, beschrieben entsprechende Aspekte einer „Willkommenskultur“, die sich am Wohl des Nächsten orientiere. Dem gegenüber habe die Gier des aktuell vorherrschenden Wirtschaftssystems den Planet bereits weitgehend ökologisch zerstört.

Ausgehend von der Erkenntnis „Jede und jeder will gesehen werden“, beschrieb die Wissenschaftlerin vier Formen des Respekts. Dass die Menschenwürde anders als in Artikel eins des Grundgesetzes durchaus antastbar sei, hätten bereits die Nazis bewiesen, indem sie diese vielfach mit den Füßen traten. Während der Statusrespekt vor allem in hierarchischen Strukturen verbreitet sei, huldige der „american dream“ dem Leistungsrespekt – und nehme dabei wissend in Kauf: „Die Verlierer bleiben auf der Strecke.“ Das Ignorieren aller trennenden Merkmale (wie Misserfolg, Rasse, Handicap) zeichne den sozialen Respekt aus, während der kulturelle Respekt aus dem Machtgefälle des Kolonialismus heraustrete. „Demokratie ist nicht eine Masse, die hinter einer Fahne hinterherläuft, sondern bedeutet: wir erkennen, dass wir alle unterschiedlich sind und nur voneinander lernen können.“

Der Umgang mit „Unverbesserlichen“, Geschichtsleugnern und populistischen Parolenschwingern stand im Zentrum der Fragerunde: „Wie weit kommen wir, wenn das Faktenwissen nichts mehr gilt?“ Ein konkretes Beispiel schilderte eine Lehrerin. Kurz nach dem Aufstellen der Anne-Frank-Ausstellung belästigten Passanten einige Schülerinnen und Schüler mit rechtsradikalen Schwurbeleien. „Das sollte in der Stadt als ein Skandal behandelt werden, das müsste man im öffentlichen Raum der Kommune klären und gegebenenfalls anzeigen“, suchte Assmann nach geeigneten Reaktionen darauf. Da es mit der Belehrbarkeit der Menschen offensichtlich nicht weit her sei, bliebe die Frage aber letztlich offen im Raum stehen. Nur so viel: „Das muss der Ausgangspunkt für eine Aktion sein.“

Mit freundlicher Genehmigung von Peter Lahr (RNZ)