„Sie war 29 Jahre die Gedenkstätte“
Dorothee Roos als Vorsitzende des Vereins KZ Gedenkstätte Neckarelz verabschiedet – Weitgereiste Gäste und ein Vortrag von Aleida Assmann als Geschenk – Mit „passion“ und Menschlichkeit Grenzen überwunden

Dorothee Roos mit den Ehrengästen bei der Verabschiedung. (v.l.n.r.) Dr. Björn-Christian Kleih, Sabine Thelen, Frédérique Neau-Dufour, Dorothee Roos, Michael Landolt, Prof. Dr. Aleida Assmann, Bernhard Edin, Julian Stipp. Foto: Lahr
„Sie war 29 Jahre das Gesicht der Gedenkstätte. Nein, mehr – und das ist keine Übertreibung: Sie war die Gedenkstätte!“ Mit diesen Worten begrüßte Bernhard Edin am Donnerstagabend über 100 – teils von sehr weit angereiste - Gäste im Ökumenischen Zentrum. Der neue Vorsitzende des Vereins KZ Gedenkstätte Neckarelz machte aber auch klar: es geht künftig nur im Team, um die Gedenkarbeit den vielfältigen Anforderungen der Gegenwart gerecht werden zu lassen. Als „Abschiedsgeschenk“ kam die Kulturwissenschaftlerin und Ägyptologin Prof. Dr. Aleida Assmann in den Elzmündungsraum. Die 79-Jährige hielt nicht nur eine flammende Rede über die Rolle des Gemeinsinns zum Erhalt der Demokratie, sondern besichtigte auch die Gedenkstätte in Neckarelz und traf sich am Freitag mit rund 60 Schülerinnen und Schülern, um das Projekt zum Anne-Frank-Tag aus erster Hand in der Mosbacher Innenstadt kennenzulernen (hierzu folgt ein gesonderter Bericht in einer der nächsten Ausgaben der RNZ).
„Gedenkarbeit ist immer politische Arbeit“, unterstrich Bernhard Edin und begrüßte gleich drei Gäste aus der „politischen“ Ebene. Walter Posert war nicht nur als Gemeinderat präsent. Er ist auch Gründungsmitglied des Gedenkstätten-Vereins, denn sein Vater war Häftling in Neckarelz. „Man kann nach 33 Jahren im Vorstand von einer Epoche sprechen“, unterstrich der Erste Landesbeamte Dr. Björn-Christian Kleih. Dorothee Roos habe die Erinnerungsarbeit als eine Lebensaufgabe aufgefasst und auch auf das Verschwinden der Zeitzeugen reagiert. Die Gedenkstätte habe Roos völlig zu Recht als Heimatmuseum bezeichnet. „Ihr Wirken war getragen von der Grundannahme, dass jeder Mensch sehen und erkennen kann.“ Im Urvertrauen auf die Vernunft habe Roos dem Erinnern einen Weg gebahnt. Kleihs Fazit: „Sie sind ein Beispiel und ein Leitstern für andere. Danke für das, was Sie für die Menschheit getan haben.“ Als größte Zäsur in der Gedenkstätten-Arbeit wertete Mosbachs Oberbürgermeister Julian Stipp den Abgang der „Lotsin“ vom Gedenkstätten-Boot. „Sie spannten den großen Bogen von der europäischen Ebene zur Verantwortung vor Ort – zum Beispiel im Gemeinderat.“ Dabei sei es Roos nie um ihre Person gegangen, sondern „immer um die Sache“.
„Ich spreche Deutsch“, überraschte Frédérique Neau-Dufour. Die ehemalige Leiterin der französischen Gedenkstätte KZ Natzweiler ist mittlerweile Projektleiterin zur Strategie der Erinnerungskultur in der französischen Region Grand Est. „Dorothee Roos war meine Ansprechpartnerin und wurde meine Freundin“, erklärte die Rednerin. „Gemeinsam haben wir die Landkarte der Erinnerung neu nachgezeichnet – eine erschreckende Geographie“. Heute gehe es darum, gegen das Verwischen der Spuren der Zeit anzukämpfen. Einen großen Meilenstein bildete die Auszeichnung mit dem Label Europäisches Kulturerbe-Siegel 2018. Neau-Dufours würdigte: „Dorothee Roos verkörpert die stille Stärke und überzeugt mit der Kraft ihres Intellekts. Wir brauchen mehr Dorothees und Aleidas!“
„Danke für deine Hingabe und deine ‚passion‘, deine Freundlichkeit und humanistische Tiefe, die uns alle beeindruckt hat“, betonte Michael Landolt, Leiter der Gedenkstätte Natzweiler. „Dein Enthusiasmus und dein Lächeln verliehen unserer Zusammenarbeit eine menschliche Dimension. Merci.“
Weitere Gäste verzichteten auf Redebeiträge, wurden aber persönlich begrüßt, darunter Sabine Thelen, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung, die zusammen mit zwei weiteren Mitarbeitern gekommen war – im Anschluss an den Betriebsausflug. Mit Richard Melling war nicht nur ein weiteres Gründungsmitglied anwesend, er wirkte auch die ersten vier Jahre als Vorsitzender des neugegründeten Vereins. Bereits als Schüler kam Tobias Markowitsch zur Gedenkstättenarbeit. Da ihn das Thema nie mehr losließ, verfasste er im Rahmen seiner Doktorarbeit – zusammen mit Kattrin Zwick – das wissenschaftliche Grundlagenwerk „Goldfisch und Zebra“ und engagiert sich heute als „Schatzmeister“.
„Du hast die Latte verdammt hochgelegt“, lautete Bernhard Edins einziger „Kritikpunkt“ an seiner Vorgängerin. „Ich wollte eigentlich nicht so einen großen Rahmen für meinen Abschied“, konterte Dorothee Roos, bedankte sich aber für die gelungene Überraschung. An Aleida Assmann gewandt, betonte Roos: „Sie sind für mich immer ein Leitstern gewesen. Ihre Bücher begleiten mich seit langem, heute lerne ich Sie das erste Mal persönlich kennen.“
Mit freundlicher Genehmigung von Peter Lahr (RNZ)
