86 Morde für eine Anatomie-Sammlung

Vortrag von Prof. Dr. Hans-Joachim Lang über ein Wissenschaftsverbrechen im KZ Natzweiler

Prof. Hans-Joachim Lang antwortete nach seinem Vortrag noch auf zahlreiche Fragen

Schon 1944 wurde das Verbrechen entdeckt. Als die Alliierten im November 1944 in Strasbourg einmarschierten, fanden sie in den Kellern des anatomischen Instituts der sogenannten "Reichsuniversität Straßburg" menschliche Körper und Körperteile. Untersuchungen ergaben, dass es sich um die Überreste von 86 jüdischen Menschen handelte. Sie waren von Auschwitz ins KZ Natzweiler gebracht worden, um dort in der kleinen improvisierten Gaskammer getötet zu werden. Auftraggeber war der Chef-Anatom der Reichsuniversität, Prof August Hirt. Die Körper sollten von Weichteilen befreit, die Skelette der anthropologischen Sammlung der Universität hinzugefügt werden - als Beleg-Exemplare der "ausgestorbenen jüdischen Rasse".
Der Kulturwissenschaftler Hans-Joachim Lang von der Uni Tübingen bettete in seinem Vortrag dieses Verbrechen in einen größeren wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang ein. Im frühen 20. Jahrhundert wurden "Rassenkunde" und Eugenik zum Standard in Medizin und Anthropologie. Die Nazis konnten daran anknüpfen und ihr Konzept der Rassenlehre wissenschaftlich verbrämen - bis hin zum Massenmord. 
Besonders spannend war dann der zweite Teil des Vortrags: Lang schilderte die detektivische Arbeit, die notwendig war, um die Namen hinter den KZ-Nummern der Ermordeten zu finden. Denn für diese besondere Gruppe gab es keine Transportliste - doch hatte ein elsässischer Mittarbeiter des Anatomischen Instituts, Henri Henrypierre, die eintätowierten KZ-Nummern abgeschrieben. Durch jahrelange Archivrecherche und Listenvergleiche konnten Lang den Nummern endlich Namen zuordnen. Der zweite Schritt war dann, die in aller Welt verstreuten Familienangehörigen der Toten aufzuspüren und mit ihnen in Kontakt zu treten. Es gab bewegende Begegnungen - und gibt sie bis heute. Denn das Familiennetzwerk wächst immer noch - weitere Informationen dazu findet man hier.