Die ehemalige Comenius-Förderschule liegt der von 1908 bis 1909 errichteten Grundschule
von Neckarelz, der Clemens-Brentano-Schule, direkt gegenüber. Diese Schule musste in den
Jahren 1944/45 als KZ dienen. Der Schulhof war damals Appellplatz
des Konzentrationslagers.
Die Comenius-Schule, bestehend aus einen halb in die Erde gebauten Sockelgeschoss und einem Erdgeschoss in Element-Fertigbauweise, wurde 1961 an der Stelle erbaut, wo früher das Toilettenhäuschen der Grundschule stand. Dieses fungierte 1944/45 als Latrinenhaus, außen am Gebäude waren vier Wasserhähne angebracht - für 1000 Häftlinge.
Diese historische Mehrschichtigkeit des Ortes soll in der neu gestalteten Gedenkstätte erfahrbar gemacht werden. Mit dem Blick von heute dem näher zu kommen, was dieser Platz einst sah, das bedeutet, sein eigenes «Loch» in die Geschichte des Schulhofs zu bohren, vertikal Geschichtetes zu durchdringen. Dazu braucht es alle Sinne, Hand und Fuß.
Wer den Schulhof betritt, nimmt als erstes den Zaun aus unbehandelten Holz-Lamellen wahr, der das neue Haus der Gedenkstätte großflächig umschließt. Er macht das Gebäude zum Fremd-Körper aus einer anderen Zeit, ähnelt er doch den Zebrastreifen des Häftlingsanzuges. Doch gleichzeitig erinnern die in unterschiedlichen Stärke und Abständen angeordneten Lamellen an digitale Strichcodes von heute. Damit verweisen sie auf die elektronische Totalerfassung des Menschen: möglicher Ausgangspunkt moderner Grundrechtsverletzungen.
Wer die Gedenkstätte über die Rampe betritt und von innen nach außen blickt, schaut durch die Lamellen. Sie öffnen den Blick zur Schule, dem ehemaligen KZ und vergittern ihn zugleich. Der Schulhof wird plötzlich zum Appellplatz, die «Schule als KZ" zum größten Objekt der Ausstellung: die Grenzen zwischen Außen und Innen, aber auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart werden durchlässig.
Der neue Ausstellungspavillon aus Holz ist nur halb so groß ist wie das ehemalige Erdgeschoss. Er nimmt die Dauerausstellung zur Geschichte der Neckarlager auf. Der Lamellenzaun umschließt aber die gesamte Fläche des darunter liegenden Sockels. Dadurch bildet sich ein Vorhof, der auch überdacht werden soll. Neben dieser Zweiteilung spielen die Achsen der Himmelrichtungen eine wichtige Rolle.
Wer über die Rampe eintritt, tut eine Zeitreise in die Jahre 1944 und 1945. Der erste Blick fällt auf die westliche Wand, Richtung «Goldfisch». Hier findet der Besucher, wiederum in Schichten übereinander, Ansichten des Elzmündungsraums von heute und damals. Darunter auch einen Netzplan der Lager- und Industrielandschaft des letzten Kriegsjahres.
In den anderen Wänden richten Fenster und Glastüren gezielt den Blick auf Teil-Aspekte der Lagergeschichte. Die Südseite zum Hof/Appellplatz wird im Bezug zur «Schule als KZ» transparent gemacht. Die Nordseite ermöglicht den - stets durch Lamellen vergitterten! - Blick ins Offene: auf die «Welt», auf die Herkunft der Häftlinge aus ganz Europa, auf den Transport ins Lager. Bewegliche Figuren ermöglichen es, das Beziehungsgeflecht der Lagergesellschaft nachzuvollziehen.
Der Vorhof ist Zwischen-Raum: Lager und doch nicht Lager. Durch den offenen Lamellenzaun ist er der Witterung preisgegeben. Er zeigt in der östlichen Blickachse alle denkbaren «Wege aus dem Lager» auf: Krankheit und Tod, Evakuierung und Todesmärsche, aber auch Flucht und Befreiung.
Im Vorhof wird die originale Revierbaracke des Lagers aufgestellt. Sie ist auch von außen durch die Lamellen sichtbar: als wichtiges Ausstellungsstück, aber auch prägendes Architekturelement.
Das Sockelgeschoss der Comenius-Schule wird saniert und bleibt in seiner jetzigen Form erhalten. Nach dem Abriss des Erdgeschosses wird es mit einer massiven Decke geschlossen. Das halb in die Erde gebaute Sockelgeschoss ist besonders geeignet, Ausstellungsteile aufzunehmen, die mit Verborgenheit zu tun haben.
Der Raum vermittelt, ohne etwas nachzubauen, die Atmosphäre des Goldfisch-Stollens: Dunkelheit, zugemauerte Fenster, Gesteinwände, im Gestein verborgene (und zu entdeckende) Metallwerkzeuge, rauer Estrich, knirschender Schritt, niedrige Raumtemperatur... Großformatige Fotos der Firma «Goldfisch» belegen die Bedeutung und Modernität der Fabrik. Im Kontrast dazu steht die dort erzwungene Sklavenarbeit.
Nebenan wird die vergessene Schluss-Geschichte des Stammlagers Natzweiler-Struthof (Vogesen) sichtbar. Dieses wurde im Oktober 1944 evakuiert, Teile der Kommandantur nach Guttenbach und Binau verlegt. Dort existierte das Lager unter dem alten Namen virtuell fort: Natzweiler lag plötzlich am Neckar... Dazu passt, dass der flexible Raum auch für Wechsel-Ausstellungen dient. Zusätzlich ist er medial mit Gedenkorten in Europa vernetzt.
Die übrigen Räume sind, außer dem Büro, fast alle der Pädagogik gewidmet. In Archiv, Bibliothek- und Seminarraum schlägt das pädagogische Herz der Gedenkstätte. Hier gibt es Raum für Vor- und Nachbereitung, für Projekte, Gruppenarbeit und selbständiges Forschen von Schülern oder Studenten, aber auch für Veranstaltungen. Er kann von anderen Vereinen genutzt werden.
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