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KZ-Gedenkstätte
Neckarelz e. V.

Bild neue KZ-Gedenkstätte

Zur Dokumentation »Verfolgung der Sinti, Roma und Jenischen im ländlichen Raum des Kraichgaus, des Neckartales, des Elztales und des Baulandes« von Arno Huth

von Dr. Albrecht Ernst (Hauptstaatsarchiv Stuttgart)

Es gehört zur Ambivalenz, zu den Zwiespältigkeiten der jungen Bundesrepublik, dass die nicht-jüdischen Opfergruppen des NS-Terrors keiner amtlichen Dokumentation oder gar Würdigung für wert erachtet wurden. So sucht man in den staatlichen Archiven Baden-Württembergs vergeblich nach einer systematischen Erhebung über das Verfolgungsschicksal von Sinti und Roma, von Zeugen Jehovas oder von Homosexuellen. Allzu lange tat man sich schwer damit, die tatsächliche Bandbreite nationalsozialistischer Verfolgung wahrzunehmen und anzuerkennen. Und dies nicht allein wegen der zu erwartenden Wiedergutmachungsleistungen, sondern ganz offensichtlich war diese Ignoranz auch von tiefen Vorurteilen geprägt.

Heute, fünfzig Jahre später, hat sich eine vielgestaltige Forschungslandschaft herausgebildet, die den Fokus historischer Untersuchungen gerade auch auf solche Minderheiten und Randgruppen der Gesellschaft richtet. Gestützt auf intensive Quellenrecherchen und getragen von einer beeindruckenden Literatur- und Sachkenntnis hat nunmehr Arno Huth im Januar 2010 die fast 150 Seiten zählende Dokumentation »Verfolgung der Sinti, Roma und Jenischen im ländlichen Raum des Kraichgaus, des Neckartales, des Elztales und des Baulandes« vorgelegt. Sie gliedert sich in 21 Kapitel. Genau betrachtet besteht sie jedoch aus drei klar umrissenen Teilen.

Der erste große Abschnitt mit den Kapiteln 1 bis 14 beleuchtet die Geschichte der Sinti, Roma und Jenischen, die im Raum zwischen Kraichgau und Bauland lebten und deren Existenz durch die nationalsozialistische Verfolgung weitgehend ausgelöscht wurde. Im zweiten Teil, der die Kapitel 15 bis 19 umfasst, wird die Verbringung sog. »Zigeunerhäftlinge« von Auschwitz nach Natzweiler und von dort nach Neckarelz dargestellt. Dieser Teil erfährt eine ganz wesentliche Bereicherung durch die Selbstzeugnisse überlebender KZ-Häftlinge. Und schließlich beleuchtet – resümierend – ein kurzer dritter Teil mit den Kapiteln 20 und 21 den Umgang mit Sinti und Roma in der Nachkriegsgesellschaft. Es sind nachdenklich stimmende Beobachtungen, an denen Arno Huth den Leser teilhaben lässt: die Verweigerung von Entschädigungen, ein in der Presse und bei Behörden geradezu unveränderter Sprachgebrauch, der selbst noch in den 1950er Jahren vor Wörtern wie »Zigeunerplage« und »Zigeunerunwesen« nicht zurückschreckt.

Das Hauptaugenmerk der Publikation gilt der rassistisch motivierten Verfolgung von Sinti, Roma und Jenischen in den Altkreisen Mosbach, Sinsheim und Buchen. Eine heute im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrte Akte des Landratsamtes Mosbach überliefert detailliert den Transport von 53 Sinti aus Rittersbach, Dallau, Muckental, Sattelbach, Lohrbach, Mosbach, Obrigheim und Heinsheim, der am 25. März 1943 in Auschwitz eintraf. Es ist – wie Arno Huth betroffen konstatiert – »ein einzigartiges Dokument der Unmenschlichkeit'«.

Intensivem Quellenstudium und der Befragung von Zeitzeugen ist es zu danken, dass die Namen der Verschleppten keine bloßen Chiffren bleiben. Die insgesamt etwa 150 deportierten Sinti, Roma und Jenischen aus Sinsheim, Mosbach und Buchen erhalten ihre Lebensdaten zurück, sie werden kontextuell ihren Familien zugeordnet, gewinnen persönliche Konturen und bleiben, sofern Fotografien überliefert sind, nicht mehr gesichtslos. Dass ein Großteil der konsultierten Zeitzeugen nicht mit Namen genannt werden wollte, zeigt, wie sensibel das Thema heute, fast 70 Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen, immer noch ist.

Arno Huth und der KZ-Gedenkstätte Neckarelz gebühren Dank, Respekt und Anerkennung für die in privater Initiative geleistete Forschungsarbeit in Archiven und Bibliotheken, für die Erfassung und Niederschrift unwiederbringlicher Zeitzeugengespräche, für die Herausgabe der vorliegenden Dokumentation. Sie ist eine Grundlage für das Gedenken an die Opfer des vieltausendfachen Völkermordes. Sie ist eine Veröffentlichung, die betroffen macht, ein Dokument des Anstoßes und der Orientierung, ein fundierter Baustein für eine öffentliche Kultur des Erinnerns.

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