Mosbach (dr). Auf Einladung der Stadt Mosbach und der Landeszentrale für politische Bildung
war am 2. Juli ein hochkarätiges, international besetztes Expertengremium aus Wissenschaft und
Gedenkstätten in der KZ-Gedenkstätte Neckarelz zu Gast. Oberbürgermeister Michael Jann und der
Fachbereichsleiter des Gedenkstättenreferats der Landeszentrale, Konrad Pflug, begrüßten die
Gäste. Fachlich war die Stadt Mosbach außerdem durch Museumsleiter Stefan Müller sowie die
Stadtarchivarin Martina Rantasa vertreten.
Gekommen waren, zur Freude des Planungsteams der Gedenkstätte um die Vorsitzende Dorothee Roos, Madame Valérie Drechsler, Leiterin des Centre Européen du Résistant Déporté - Struthof aus Natzwiller/Frankreich, Prof. Dr. Johannes Heil von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Dr. Anette Hettinger, Akademische Oberrätin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, der Vorsitzende des Dokumentations- und Kulturzentrums deutscher Sinti und Roma, Romani Rose aus Heidelberg, Dr. Robert Steegmann, Professeur agrégé aus Strasbourg sowie Prof. Dr. Peter Steinbach, Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mannheim.
Ziel der Treffens war die Gründung eines wissenschaftlichen Beirats der KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Doch vor diesem Akt galt es, trotz tropischer Temperaturen, ein dichtes Programm abzuarbeiten. Auf der Tagesordnung stand zunächst ein Informationsaustausch zu zentralen Aspekten der künftigen Gedenkstätte Neckarelz. Sie wird im nächsten Jahr in den umgebauten Räumen der Comenius-Schule entstehen.
Dabei ging es um die Ebenen der zu erzählenden Geschichte, aber auch um das architektonisch-museologische Konzept und die Gedenkstättenpädagogik. Impulsreferate und ein Rundgang durchs Haus mit verschiedenen Informationspunkten waren hierzu hilfreich.
Zunächst galt es, die Facetten des »KZ-Komplexes am Neckar« in ihrer historischen Einmaligkeit herauszuarbeiten.
Denn im Jahr 1944/45 war die Elz-Neckar-Region mit der unterirdischen Fabrik »Goldfisch« nicht nur Schauplatz eines bedeutenden
Rüstungsverlagerungsprojekts, das die Entstehung von sechs Außenlagern des KL Natzweiler-Struthof nach sich zog,
verteilt in der Region rund um das erste Lager »Neckarelz Schule«.
Hinzu kam vielmehr, dass nach der Evakuierung des Hauptlagers in den Vogesen die Kommandantur dieses Lagers im November 1944 ebenfalls an den Neckar, nach Guttenbach und Binau, verlegt wurde. In der Folge wurden die Grenzen zwischen Haupt- und Nebenlager teilweise fließend, andererseits reorganisierte Kommandant Fritz Hartjenstein die zentrale Verwaltungsstruktur in erstaunlicher Weise. Der Name »Natzweiler« wurde beibehalten, mehrere Dutzend Natzweiler Außenlager mit über 20 000 Häftlingen von hier aus befehligt.
Dabei sei, wie Prof. Steinbach anmerkte, unter den Bedingungen der »Zusammenbruchsgesellschaft« des Kriegsendes eine »diabolische Selbstverteidigung des Systems« festzustellen, ein nochmaliges Aufblühen der Lagerstruktur, die Prof. Steegmann in seinem Werk über Natzweiler als »Flucht nach vorne« bezeichnet hatte. Dies gelte es exemplarisch herauszustellen. Valérie Drechsler betonte das Interesse des französischen Staates, den sie repräsentiere (das Centre Européen ist dem Verteidigungsministerium unterstellt), an einer engen Zusammenarbeit mit der künftigen Gedenkstätte in Neckarelz , welche das letzte, bisher noch unerzählte Kapitel der Geschichte des Hauptlagers in einem eigenen Raum darstelle.
Wie diese wahrhaft komplexe Geschichte wiederum den Besucherinnen der neuen Gedenkstätte in Neckarelz nahe gebracht werden kann, beschäftigte das Gremium im nächsten Schritt. Beifall fand das Konzept, durch ein modulares Prinzip eine Vielfalt von Zugängen zu ermöglichen. Sowohl Romani Rose als auch Frau Dr. Hettinger plädierten dafür, alle Chancen zu nutzen, welche der besondere Ort des Lagers biete. Eine Schule sei KZ geworden – das ,Lager Schule' von damals könne heute zum exemplarischen Ort außerschulischen Lernens werden. Prof. Heil stellte die regionale Verankerung der Erinnerungsarbeit heraus, die sich – und hierin waren sich alle Teilnehmer einig – mit europäischen Fragestellungen und zivilisatorischen Grundfragen verknüpfe.
Krönung des Treffens war der Gründungsakt des wissenschaftlichen Beirates. Im Schlusskommuniqué erklären
die sechs Mitglieder ihren Willen, die neu entstehende KZ-Gedenkstätte Neckarelz zu begleiten, zu unterstützen und
zu beraten – und damit auch für die wissenschaftliche Qualität der Konzepte
zu bürgen. Dorothee Roos dankte abschließend den Teilnehmern für diese Bereitschaft,
ebenso der Landeszentrale für politische Bildung, die dabei eine Koordinationsfunktion
übernehmen wird.
Ab 26.01. jeden Sonntag von 14 - 17 Uhr geöffnet.