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KZ-Gedenkstätte
Neckarelz e. V.

Bild neue KZ-Gedenkstätte

»Der Wanderer, der Fremde, war ich«

Peter Härtling, Hanna Möller und Daniel Roos gestalteten literarisch-musikalischen Abend für den Neubau der KZ-Gedenkstätte

Text und Fotos: Peter Lahr

Peter Härtling liest. Mosbach. Zwei Sterne besaß der Donnerstagabend für Dorothee Roos, die Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Zum einen werde der Erlös der Benefiz-Veranstaltung, die zusammen mit der Stadtbibliothek Mosbach und dem ver.di-Bildungszentrum »gestemmt« wurde, dem Umbau der KZ-Gedenkstätte zugute kommen (die RNZ berichtete). Zum anderen besitze der Abend im Großen Musiksaal des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums einen »künstlerischen Eigenzweck«. Dem Autor dankte Roos, dass er sich spontan und »ohne wenn und aber« bereit erklärt habe, nach Mosbach zu kommen; den gut 150 Gästen für ihr Interesse.

Eher kraftvoll denn elegisch eröffnete Daniel Roos Klavierspiel den Abend. »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus«, das erste Lied aus Franz Schuberts Lieder-Zyklus »Winterreise«, sang Hanna Möller mit klarer Alt-Stimme, die sich schnell als ebenso wandelbar wie facettenreich entpuppen sollte. Bereits die ersten beiden Lieder reichten dem Musiker, der Sängerin, um große Empathie zu entfalten, um einen melancholischen Abgesang auf das Leben zu zeichnen. »Der Wanderer, der Fremde, bin ich«, offenbarte Peter Härtling. Er habe »Gute Nacht« zum ersten Mal in einem Schulsaal in Nürtingen gehört - vorgetragen »von einem heruntergekommenen Bariton«. Doch das habe man dem Sänger gerne verziehen. Immerhin habe es sich um eines der ersten Nachkriegskonzerte gehandelt. Für den jungen Peter Härtling wurde es zu einem Katalysator: »Das Lied sprach zu mir. Ich hatte einen Begleiter.« Welche Dankesworte an die Akteure. »Winterreise« er bis dahin absolviert hatte, offenbarte der Blick auf die Vita wie das zu Hörende. Neun Jahre war Peter Härtling alt, als die Familie 1941 von Chemnitz nach Olmütz in Mähren umzog. Der Vater, ein Rechtsanwalt, habe gehofft, sich so dem Zugriff der Nazis zu entziehen. 1945 flohen die Härtlings ins niederösterreichische Zwettl, wo der 12-Jährige den Einmarsch der Roten Armee erlebte. Es folgte die Flucht nach Wien und weiter Richtung Westen, nach Deutschland. Im Juni 1945 starb der Vater in einem russischen Kriegsgefangenenlager. 1946 kam die Familie nach Nürtingen, wo Peter wieder eine Schule besuchte. Im Oktober beging seine Mutter Selbstmord. Bilder von Flüchtlingen kämen ihm bis heute in den Sinn, las Härtling aus dem Buch »Der Wanderer«. Er beschrieb den ersten Schritt, Peter Härtling signiert Bücher. nächtliche Befehle von Uniformierten. Furcht trieb die Fliehenden an, die keine mystischen Gestalten waren, sondern Gejagte. Mit sonorer Stimme, die den Raum füllte, sprach Härtling. Seine Worte verzahnten sich mit der Musik, spiegelten sich in den Strophen der Lieder. Härtlings Gefühlswelt vermochte Bilder im Gedächtnis der Zuhörer zu wecken. Er legte Spuren. Zu Frauen in Spanien, die die Kerzen eines Menora-Leuchters entzündeten - und nicht wussten, was sie taten. Zu Walter Benjamin und Paul Klees Aquarell »Angelus novus«. Der »Engel der Geschichte« taumelte im Sturm des Fortschritts. Doch nicht die Melancholie behielt die Oberhand. Mit dem »Kopfwanderer« Mörike blitzte Peter Härtlings vitaler Humor auf. Zum atemlosen Staccato entwickelte er die Liste der steten Versetzungsgesuche des Theologen und »lustlos vertrackten Erotikers.« Härtling endete mit den Worten: »Hier setze ich einen Punkt. Auch wenn keiner hingehört.« Vor der nächtlichen Silhouette des samtschwarzen Hügels und scherenschnittartiger Baumwipfel beendete des Wanderers Nachtlied die dicht gewirkte Soiree. »Es ist eine musikantische Sprache, in der sie schreiben und vortragen«, lobte ein Zuhörer den Autor. »Ich höre meistens Musik, wenn ich schreibe«, antwortete dieser.

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