Projekt im Rahmen der Schülerakademie Karlsruhe - Forschendes Lernen begeisterte
Nach vier Tagen harter Arbeit ist es geschafft: die ehemalige Revierbaracke des KZ-Außenkommandos Neckarelz liegt, in sorgfältig beschriftete Einzelteile zerlegt, in einem Klassenzimmer der Comenius-Schule in Mosbach-Neckarelz. Dort wird sie zunächst »überwintern«, ehe sie, wieder zusammengesetzt, als größtes Ausstellungs-Objekt in die dann zur neuen KZ-Gedenkstätte umgebauten Comenius-Schule eingebracht wird.
Für
Dominik, Julia, Laura, Magdalena, Martin, Nico, Pepejn vom Bismarck-Gymnasium
Karlsruhe, Luise vom Thomas-Mann-Gymnasium Stutensee sowie das Betreuungsteam
Tobias Markowitsch (Schülerakademie Karlsruhe/ Bismarck-Gymnasium),
Dorothee Roos (KZ-Gedenkstätte Neckarelz) und Silja Schaaf (PH Karlsruhe)
war das Führen von Zimmermannshammer und Nageleisen eher ungewohnt;
doch der technische Projektleiter Lutz Tscharf, der nicht nur zimmermännischen
Sachverstand, sondern auch eine pädagogische Ader besitzt, gab Tipps
und griff selber unermüdlich zu. Als der Schlackenputz abgeschlagen
und die Heraklit-Dämmplatten des Daches unter gewaltiger Staubentwicklung
abgerissen waren, enthüllte sich die Holzbaracke in ihrer ganzen
Primitivität.
Während des Jahres 1944/45 wurde sie auf dem Appellplatz, also dem Schulhof der
in ein KZ verwandelten Neckarelzer Grundschule, errichtet und hat vermutlich dazu die
gedient, die ansteckend kranken Häftlinge der Neckarlager zu isolieren, um so eine
weitere Ausbreitung von Seuchen zu verhindern - ein kleiner Lichtblick in der ansonsten
eher desolaten medizinischen Versorgung. Nach dem Kriegsende war die Baracke in den
Nachbargarten gewandert, wo sie zunächst als Flüchtlingsunterkunft und
Schneiderwerkstatt, später als Gartenhaus diente. Doch wie die Schüler zu ihrer
Überraschung erfuhren, nutzte sie in den 70ern auch die erste Neckarelzer Punkband
mit dem irgendwie passenden Namen »Die Alliierten« als Probenlokal.
Je weiter das Projekt fortschritt, desto stärker identifizierten sich die jungen
Leute mit dem auf den ersten Blick so unscheinbaren Bauwerk. Die Vorstellung, die Baracke
in einer künftigen Ausstellung »zum Sprechen zu bringen«, begeisterte sie.
Damit war eines der wichtigsten Ziele der 2007 gegründeten Schülerakademie
Karlsruhe erreicht, die qualitativ hochwertige außerschulisches Bildungsangebote
für junge Leute bereitstellen möchte, wo forschendes Lernen möglich wird.
Das Projekt fand in diesem Rahmen statt, außerdem wurde es von der Landeszentrale
für politische Bildung gefördert.
Natürlich gab es auch Bildungs- und Vorbereitungsangebote der eher
»normalen« Art. Der pädagogische Leiter Tobias Markowitsch hatte die
Schüler mit der Geschichte der »Neckarlager« vertraut gemacht, im Badischen
Landesmuseum hatten sie einiges über den Umgang mit historischen Holz-Objekten
gelernt; Dr. Hans Scheuing berichtete von der Ermordung von geistig Behinderten und der
Beschlagnahmung des Schwarzacher Hofs als Betriebskrankenhaus für Daimler-Benz im
Rahmen des Rüstungsprojekts »Goldfisch«.
Ein wichtiger Kulminationspunkt des Projekts war der öffentliche Vortrag der Heidelberger Historikerin Kattrin Rautnig »Die Medizin des Unmöglichen. Ärzte im KZ Neckarelz«. Zu Beginn stellten die Schüler dem Publikum ihre Arbeit an der ehemaligen Medizinbaracke vor, um dann Kattrin Rautnig zuzuhören, die in ihrem klar aufgebauten Vortrag zunächst die Lebens- und Hygienebedingungen des Lagers als krankmachende Faktoren vor Augen führte. Im zweiten Teil schilderte sie, wie gefangene Ärzte eine medizinische Notversorgung aufbauten, die sogar chirurgische Eingriffe ermöglichte, wenn auch unter heute unvorstellbaren Bedingungen. Hier kam auch der mutige Einsatz des Neckarelzer Dorfarztes Dr. Hans Wey zur Sprache, der einerseits »offiziell« bei der SS-Lagerführung für eine bessere medizinische Versorgung kämpfte, andererseits seinen gefangenen Kollegen heimlich mit Medikamenten und Verbandszeug aushalf. Mit der Beschreibung des Baus von Isolierbaracken für die an Seuchen erkrankten Häftlinge schloss sich dann der Kreis.
Dorothee Roos von der KZ-Gedenkstätte dankte allen Beteiligten für ihren Einsatz und widmete den Abend dem Gedächtnis des letzten, im Mai 2008 verstorbenen Häftlingsarzt Dr. Francis Rohmer aus Strasbourg.
»Zum Aufbau der Baracke kommen wir wieder!«, mit diesem Versprechen verabschiedeten sich die Schüler am Ende des Projekts.